Gilt im Südwesten Europas weiter Viva España? Offenbar schon, hat das Research-Institut eines Kölner Asset Managers ermittelt. Die Gründe lassen sich finden und auch in der Realität beobachten, doch höhere Produktivität gehört offenbar nicht dazu. Und: Alle Dinge sind relativ, denn die spanische Stärke fällt vor allem im Vergleich zur deutschen Schwäche auf. Und genau da liegt auch für Spanien die Achillesferse.
Die iberische Volkswirtschaft läuft – ganz anders als die deutsche – weiter rund. Schon im vergangenen Sommer hatte die DWS den spanischen Lauf dokumentiert, nun hat sich ein Flossbach von Storch-Analyst der Lage und Perspektive Spaniens angenommen, und offenbar besteht weiter Grund zu Optimismus:
Spanien wächst deutlich schneller als Deutschland, stellt Studien-Autor Pablo Duarte fest. Jedoch, so der Volkswirt, der spanische Vorsprung beruhe v.a. auf mehr Arbeitskräften und EU-Transfers – und nicht auf höherer Produktivität.
In 25er-Zahlen heißt das: reales BIP Spanien +2,6%, Deutschland nur +0,4%. Und das ist nichts Neues, betont die Studie: Diese Divergenz besteht seit der Corona-Krise. Spanien, das bei den Lockdowns ab 2020 übrigens früher und härter einstieg als Deutschland, aber auch früher wieder aus, liegt mit seinem BIP heute um satte 11% über 2019, während Deutschland nur stagnierte:
Quelle: Flossbach von Storch. Grafik zur Volldarstellung anklicken.
Folge: Seit 2020 haben sich die Lebensstandards in beiden Ländern, gemessen am BIP/Kopf, angenähert – dass aber weniger wegen einer Stärke Spaniens, sondern v.a. wegen der Schwäche Deutschlands.

Doch gab es auch andere Zeiten, und Duarte betont, dass die Kluft zwischen D und E heute absolut immer noch weiter ist als vor der Einführung des Euro (in der Tat erinnert sich der Chronist noch gut daran, wie sehr Spanien ab 2007 von der Finanzkrise getroffen wurde und man im sich recht schnell erholenden Deutschland landauf, landab – von Berlin bis in die Provinz – überall spanische Arbeitskräfte antreffen konnte).
Kein spanisches Produktivitätswunder
Genauer zu den Gründen: Während bspw. die derzeitige Stärke der USA v.a. auf höherer Arbeitsproduktivität basiert, sieht Duarte in Spanien andere Treiber: Die US-Arbeitsproduktivität legte seit 2012 um 19% zu, in E und D jedoch nur um 8%:
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Mehr Trabajadores, aber nicht besseren
Die Produktivität ist es also nicht. Stattdessen ursächlich: die steigende Zahl der Arbeitnehmer. Die Beschäftigung ist seit Ende 2019 um 11% gestiegen, in Deutschland nur um 1%. Oder in nackten Zahlen: Seitdem sind in E 2,3 Mio. Menschen mehr beschäftigt, in D nur 500.000.
Möglich machte Spanien das durch den Abbau der Arbeitslosigkeit, was in Deutschland gar nicht gelingen konnte – schlicht weil es jahrelang überhaupt keine gab. Oder kurz: E konnte mit der Belebung seiner Wirtschaft am Arbeitsmarkt Potentiale heben, die in D längst ausgeschöpft waren:
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Die Migration läuft besser

Doch Potentiale heben, ist nur die halbe Wahrheit. Die harmonischere Migration die andere. Beide Länder verzeichneten seit Ende 2019 ca. 1,5 Mio. Migranten im Alter von 15 bis 64 Jahren, ging der Anteil der ausländischen Beschäftigten in D etwas zurück, während er in E stark stieg.
Grund? Für Duarte die unterschiedlichen Migrationspolitiken: Während in D die Integration in den Arbeitsmarkt strikt formell ist, duldet E Arbeit im informellen Sektor ohne Arbeitserlaubnis mit sichtlicher Toleranz. Außerdem bietet D viel großzügigere Sozialleistungen. Doch da ist noch etwas.
Das schöne Geld aus Brüssel
Als weiteren Treiber in Spanien führt Duarte die üppigen EU-Transferzahlungen an. Betrugen diese vor Corona ca. 1% des spanischen BIP (in D weniger als die Hälfte), verdoppelten sie sich im Rahmen der schuldenfinanzierten Programme „SURE“ und „NextGenerationEU” bis 2024 auf 2% des BIP (D 0,6%):
Quelle: Flossbach von Storch. Grafik zur Volldarstellung anklicken.
2021 trugen die damit finanzierten Investitionen maßgeblich zur Erholung des spanischen BIP bei. 2024 und 2025 waren Investitionen nach dem privaten Konsum der zweitwichtigste Faktor.
Die grundlegende Diagnose bleibt – für beide
Flossbach-Analyst Duarte bilanziert: E wie D leiden unter schwachem Produktivitätswachstum, Anstieg seit 2012 trotz des technologischen Fortschritts der letzten 15 Jahre inkl. KI nur ca. 3%. E jedoch profitiert von besserer Migration und mehr Brüsseler Geld. Doch für Duarte ändert das nichts an der grundlegenden Diagnose: „Ohne deutliche Steigerungen bei Effizienz und Produktivität kann sich das schnelle Wachstum in Spanien schwer fortsetzen. Anleger, die auf solides Wachstum in Europa setzen, werden deshalb noch auf Strukturreformen sowohl in Spanien als auch in Deutschland warten müssen.“
Fazit von MALLORCA●INDUSTRIES: die deutsche Achillesferse?
Das Meiste, was der Autor der FvS-Studie schreibt, lässt sich in der Realität leicht beobachten, z.B. in Palma: die wirklich zahlreichen Migranten stammen meist aus dem kulturverwandten Lateinamerika (auch wenn es so manche der bis vor kurzem über-dominanten Argentinier im Zuge der Milei-Reformen wieder in die ferne Heimat zieht), das Arbeitsleben ist hart, Löhne und Gehälter und v.a. Sozialleistungen bei ähnlichem Preisniveau sichtlich geringer als in D, und wer auf Mallorca nicht direkt scheitern will, dem bleibt nur, möglichst schnell in das Arbeitsleben einzusteigen – und das tun die meisten Migranten hier auch, und ja, teils auch informell. In D ist all das offenkundig anders.

Zur Wahrheit gehört aber auch: Es fällt schwer, Belege dafür zu finden, dass die spanische Volkswirtschaft, namentlich die balearische, irgendwie auf einem Pfad sein könnte, im schnellen, gerade erst anbrechenden KI-IT-Zeitalter des 21. Jahrhunderts zu einem echten Akteur zu werden. Im Gegenteil, gerade auf Mallorca scheint es genau zwei Sektoren zu geben, welche die lokale Wirtschaft tragen: Gastronomie/Tourismus sowie Bau/Immobilienhandel.
Und da sind wir schon beim Thema, denn beide Sektoren hängen von Deutschland ab, also von einem Land, das sich für die schnelle Metamorphose von einer Technologie-Nation zu einem Industriemuseum entschieden hat.
Der Verlauf der mallorquinischen Sommersaison 26 bleibt abzuwarten, doch schon 2025 häuften sich die Klagen aus der Branche. Und spricht man mit lokalen Immobilienmaklern, ist die derzeit herrschende nicht Flaute, aber doch Ruhe v.a. auf eines zurückzuführen: zu wenige Käufer aus Deutschland.
Dass Deutschland die Lokomotive Europas ist, stimmt, sagt man aber häufig so leicht daher. Oft übersieht man dabei: Steht die Lok, steht der ganze Zug. Darauf sollte man sich auch in Spanien einstellen.
Apropos Zug: dazu mehr hier.



